Buchcover des Psychothrillers Nora – Bist du sicher? von Yvonne Fothe

PSYCHOTHRILLER

NoraBist du sicher?

Ihre Schwester ist seit fünf Jahren tot.Doch die Frau im Café hat ihr Gesicht.

Veröffentlichung Selfpublishing
Release Juni 2026
Format Taschenbuch · E-Book · Hardcover
Seiten 316

KLAPPENTEXT

Fünf Jahre Trauer. Eine Sekunde Zweifel.

Nora hat gelernt, mit dem Tod ihrer Schwester zu leben. Mit Therapie, Medikamenten und einer zerbrechlichen Normalität – bis zu diesem Novembernachmittag in Berlin. In einem Café zwischen Tassen und Stimmengewirr.

Nora folgt ihr durch die Stadt und stößt auf ein Detail, das nicht existieren dürfte. Ein Detail, das zusammen mit ihrer Schwester verschwunden ist.

Ab diesem Moment bekommt Noras Wirklichkeit Risse.
Doch ihre Suche nach Antworten bleibt nicht unbemerkt.
Während ihr Umfeld sie für krank erklärt, passieren Dinge, die sie nicht mehr kontrollieren kann.
Nora beginnt zu begreifen:
Vielleicht geht es hier nicht nur darum, was sie sieht.
Sondern darum, was sie besser nicht sehen sollte.

Der Mindturner über Erinnerung, Wahrnehmung und die tödliche Linie zwischen Wahn und Wirklichkeit.

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REZENSIONEN

STIMMEN VON LESERN

★★★★★

„Intensiv, verstörend und voller Gänsehautmomente.“

Azyria SunAmazon-Rezension ↗

★★★★★

„Die Spannung ist von der ersten bis zur letzten Seite greifbar.“

Marita KwiattekAmazon-Rezension ↗

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Hörbuchcover von Nora – Bist du sicher? – gesprochen von Stefanie Rukiya HÖRPROBE

Nora - Bist du sicher? | Prolog

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NORA – BIST DU SICHER?
Fünf Jahre Trauer. Eine Sekunde Zweifel.

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LESEPROBE · NORA

LESEPROBE

Nora – Bist du sicher?

Prolog und Kapitel 1

Prolog

Die S-Bahn spuckte sie in die Oktobernacht hinaus. Nebel legte sich kalt auf ihr Gesicht, klebte die Haare an die Wangen. ‚Curry 36‘ war längst geschlossen, wie die meisten anderen Läden auch. Aber die Stadt atmete noch.

Komisch, was man wahrnimmt, wenn man auf dem Weg ist, sein Leben zu beenden.

Heißt es nicht, in den letzten Minuten wird alles klarer?

Wir kommen allein auf die Welt und gehen allein. Geburt und Tod sind Erfahrungen, die niemand teilen kann. Kein Mensch erinnert sich an den Moment, in dem er hinausgeschleudert wurde. Von der warmen Schutzhülle hinein in eine fremde, grelle Welt.

Und beim Tod?

Bisher kann keiner beschreiben, wie es sich anfühlt, zu sterben. Wenn unser Herz seinen rhythmischen Schlag für immer einstellt und am Ende nur noch Staub übrig bleibt.

Außer bei Wasserleichen.

Erst sinken sie zu Boden, um Wochen später, verfault, mit Algen bedeckt und wächserner Haut wieder aufzutauchen.

Straßenlaternen zeichneten Kreise auf den Asphalt. Sie stand mittendrin, als müsste sie erst begreifen, dass sie angekommen war.

Wetter: vier Grad. Standort: Warschauer Straße. Emotionen: null.

An Fakten konnte sie sich festhalten. Gefühle waren gefährlich.

Ihre Schritte waren gleichmäßig, die Schultern gerade, der Blick nach vorne gerichtet, als hielte sie sich selbst aufrecht. Jeder der letzten fünfhundert Meter ihres Lebens war ein Entschluss. Und keiner davon fühlte sich echt an.

Die Kapuze setzte sie nicht mehr auf.

Wozu auch?

In weniger als zwanzig Minuten würde das Wasser sie verschlucken.

Vor dem Bahnhof drängte sich noch Leben. Trotz der späten Stunde – oder der viel zu frühen, je nach Blickwinkel. Menschen lachten, torkelten, hielten Bierflaschen in den Händen. Als hätte die Nacht vergessen, sie alle mitzunehmen. Musikfetzen aus Szeneclubs drangen herüber, vermischten sich mit Abgasen und süßlichem Rauch. Die Umgebung pulsierte. Lichter, Stimmen, Bewegungen, als hätte jemand die Lautstärke der Welt aufgedreht und danach versäumt, sie wieder herunterzudrehen.

Sie hatte sich nicht verabschiedet. Keiner ahnte, dass sie nicht zurückkommen würde, als sie um kurz vor Mitternacht aus ihrem Schlafsack gekrochen war. Ohne Erklärung.

Nur mit einem Wort im Kopf: heute**.** Alles, was sie noch besaß, hatte sie zurückgelassen. Bis auf eine Ausnahme. Er war das Einzige, was ihr geblieben war. Und jetzt war er in Sicherheit. Wenn der Plan aufging, würden sie sich bald wiedersehen.

Vom Weddinger Rudel wusste nur Patty Bescheid.

Natürlich.

Nur ihretwegen war sie jetzt an diesem Ort. Auf dem Weg zur Brücke.

Patty hat mir versprochen, dass … Nein. Nicht jetzt. Erst das hier durchziehen.

An der Kreuzung Mühlenstraße blieb sie stehen. Die Oberbaumbrücke ragte vor ihr auf.

Zwei Backsteintürme erhoben sich wie Schneidezähne in einem zahnlosen Mund. Aus den Turmfenstern sickerte Licht. Oberhalb der Arkadenbögen ratterte die U-Bahn über die Gleise, als würde sie die Nacht in zwei Hälften teilen. Gegenüber spielte jemand Geige. Eine Melodie, zart und brüchig, wie ein Nerv kurz vorm Reißen.

Wie hieß das Lied noch mal?

Sie wusste es nicht mehr, nur dass es sie an früher erinnerte. An das Leben davor. Bevor es gekippt war. An ihre Schwester.

„Du schaffst das”, hatte sie ihr immer gesagt. Aber sie hatte sich geirrt. So oft hatte sie versucht, den Moment zu finden, an dem alles zerbrochen war. Ihre Träume, ihre Hoffnungen, ihre Zukunft. Aber es gab ihn nicht. Nur falsche Entscheidungen und naives Vertrauen. Und jetzt diesen Entschluss, der wie ein Stein in ihrer Brust lag.

Das Piepen der Ampel holte sie zurück in die Nacht. Die Uhr an der Kreuzung zeigte 1:17 und die Geige spielte immer noch, als wollte sie sie begleiten. Sie überquerte die Straße. Der Puls hämmerte gegen ihre Schläfen. Der Asphalt war nass, gesprenkelt von herabgefallenen Blättern. Das Licht der Laternen brach sich darin wie in zersplittertem Glas. Die Brücke wirkte größer, je näher sie kam.

Ein Tor.

Eine Schwelle?

Vielleicht war sie nie für Menschen gedacht, die zurückblieben.

Im Gewölbegang hallten ihre Schritte vom Mauerwerk wider. Backstein, Schatten, Neonlicht. Das Chaos flimmerte vor ihren Augen. Zwischen zwei Bögen entdeckte sie eine Ausbuchtung, halb verborgen im Dunkeln. Ein Ort, der wirkte, als würde er sie erwarten. Sie blieb stehen, atmete. Die Luft schmeckte nach Metall.

Dann streifte sie ihren Parka ab, löste den Reißverschluss der Jeans und schlüpfte aus den Boots. Ihre Finger gehorchten ihr kaum. Das Zittern kam in Wellen. Warum sie genau hier begann, wusste sie nicht. Vielleicht, weil dieser Ort still war. Vielleicht, weil sie wollte, dass jemand etwas fand. Etwas, das blieb, wenn sie längst verschwunden war. Das dünne T-Shirt glitt über ihre Stirn. Der Wind biss in die Haut, zog jede Pore zusammen, als wollte er sie zurückhalten.

Es ist okay.

Ihre innere Stimme fühlte sich falsch an. Fast beruhigend.

BH und Slip ließ sie an.

Wenigstens ein Rest Würde.

Ihr Blick fiel auf das vergoldete Armband. Vorne stand ihr Name in geschwungenen Buchstaben, hinten das Geburtsdatum. Ihre Schwester hatte es ihr zum achtzehnten Geburtstag geschenkt. Damals, als sie noch an Geburtstage glaubte. Kurz nach ihrem Absturz hatte sie es schon einmal verkaufen wollen. Der Händler hatte nur gelacht.

Heute war sie froh, dass sie es behalten hatte. In ihren dunkelsten Stunden hatte es sie an das erinnert, was einmal gut gewesen war. Aber dieses Leben war vorbei.

Sie löste den Verschluss, sah auf die Gravur.

Bin ich das überhaupt noch? Oder habe ich diesen Teil von mir schon vor Jahren zurückgelassen?

Dann legte sie das Kettchen zwischen die Kleidung, behutsam, als könnte es zerbrechen.

Erzähl ihnen von mir.

Die Mauer des Vorsprungs war rau. Sie stemmte sich hoch, kletterte über die Brüstung.

Erst ein Bein, dann das andere. Der Stein war glitschig unter ihren Füßen, das Eisen kalt in der Hand. Unter ihr rauschte die Spree. Ein schwarzes Band, das im Laternenlicht glitzerte. Ihr Atem ging stoßweise. Frost kroch in sie hinein, zog ihre Haut zusammen.

Schwindel. Ein heftiges Hämmern drückte gegen ihre Halsschlagader. Blut rauschte in den Ohren. Sie löste eine Hand vom Geländer und drehte sich vorsichtig um. Ihre Finger waren taub, steifgefroren. Sie spürte das Eisen nicht mehr.

Sie stand wie eine Galionsfigur am Bug eines versunkenen Schiffes.

Der Geruch des Wassers sickerte in ihre Nase. Modrig. Schwer. Wie etwas, das schon zu lange lebte. Galle brannte in ihrer Kehle. Sie schluckte. Hinter ihr glaubte sie Schritte zu hören. Stimmen. Oder war das nur der Wind? Ihr eigener Schatten, der sie beobachtete?

Wenn ich mich umdrehe, bleibe ich.

Sie schloss die Augen. Der Wind fuhr ihr durch die Haare. Ein letzter Atemhauch des Lebens. Dann wurde alles still. Kein Rattern der Bahn, keine Geige. Nur ihr Atem und das Rauschen der Spree, das jetzt klang, als käme es aus ihr selbst. In der Ruhe lag plötzlich Frieden. Die Spannung löste sich. Kein Widerstand mehr. Keine Angst. Nur Müdigkeit. Vielleicht war das der Moment, an dem man loslassen konnte. Nicht, weil man wollte, sondern weil nichts anderes mehr blieb.

Oder warte ich immer noch auf ein Zeichen?

Ein letzter Gedanke flackerte auf: Ihre Schwester. Ihr Gesicht.

Verzeih mir.

Ob sie es jemals verstehen würde? Ihr Herzschlag verlangsamte sich.

Dann trat sie ins Leere.

Kapitel 1

Im nächsten Leben würde sie auf dem Land wohnen. In einem Holzhaus am Feldrand, irgendwo, wo die Luft nach Gras roch. Wo genau, war egal. Hauptsache nicht wieder hier. Nicht in Berlin. Nicht in einer anderen großen Stadt. Hier war es zu dreckig, zu laut und zu voll.

Auf dem Bürgersteig des Kurfürstendamms drängten sich Menschen. Um sich zu unterhalten, musste man brüllen. Der Auspuff eines Porsches donnerte. Eine Mischung aus Abgasen und heißem Gummi brannte in ihrer Nase. Der Ku’Damm war mittlerweile zu einem Schauplatz der teuersten Luxuskarossen geworden. Einige kamen sogar nur, um Autos zu gucken. Eine entspannte Shoppingtour war so kaum möglich.

Welche Shoppingtour ist schon entspannt?

Sie erinnerte sich, wie ihr Vater mit ihr als Kind regelmäßig mit der U-Bahn zum Ku’Damm gefahren war. Zum Bummeln, wie es damals noch hieß. Heute kam es ihr so vor, als hätte jemand die Zeitraffer-Taste gedrückt. Während alle um sie herum zu rennen schienen, war sie in ihrem eigenen, zähen Rhythmus gefangen. Seit damals.

Manchmal fühlte sie sich, als würde sie jemand beobachten. Heimlich. Aus den Augenwinkeln, zwischen den Menschen. Ein Schatten, der verschwand, sobald sie hinsah.

Der Himmel hing schwer über der Stadt und drückte sie nieder. Sie schleppte sich neben Jenny her.

Warum habe ich überhaupt zugesagt?

Seit sie den letzten Laden verlassen hatten, philosophierte ihre Freundin über die Vor- und Nachteile des viel zu teuren Kleides, das nun in der Papiertüte steckte, als müsse sie den Kauf vor sich selbst rechtfertigen. Obwohl doch genau das der Grund für ihren Einkaufstrip gewesen war.

Nora wusste, sie hätte nicht ans Handy gehen sollen, als im Display der Name ihrer besten Freundin aufleuchtete.

„Du musst doch mal wieder raus, Nora. Du kannst nicht nur die ganze Zeit zu Hause sitzen!“

Und jetzt stand sie hier. An einem frühwinterlichen Samstag, zwei Wochen vor dem ersten Advent, im Gedränge des Kurfürstendamms.

Sie hatte sich einen Ruck gegeben. Für Jenny.

Wird schon nicht so schlimm werden.

Wie sehr sie sich getäuscht hatte.

Ihre Finger waren schon weiß vor Kälte. Sie ärgerte sich, die Handschuhe nicht mitgenommen zu haben. Nora zog ihren Schal enger um den Hals. Der Wind peitschte ihr gegen die Wangen und zerzauste ihre Haare. Gänsehaut breitete sich auf ihren Armen aus – oder war es nur in ihrem Kopf?

Für einen Moment meinte sie, ihren Namen hinter sich zu hören. Claras Stimme.

Sie drehte sich blitzartig um, sah aber kein vertrautes Gesicht in der Menge. Ein Mädchen mit Kopfhörern hüpfte an ihr vorbei.

„Nora!“ Ein Flüstern, direkt neben ihrem Ohr.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich, als wollte er die Zeit einholen, die sie gerade verloren hatte. Sie riss den Kopf herum.

Nichts.

Die Welt um sie herum erstarrte zu einer lautlosen Kulisse. Ihre Finger schlossen sich um den Riemen ihrer Tasche. Sie vergaß zu atmen.

„Nora!“ Jenny winkte an der Ecke.

Die Welt schob sich wieder an ihren Platz. Geräusche kehrten zurück. Gesichter bekamen Konturen.

Noras Brustkorb weitete sich. Sie atmete aus, stand noch wie angewurzelt da, während Jenny weiterging.

Sie zog die Ärmel des Mantels hoch und warf einen Blick auf die Uhr: roséfarbenes Gehäuse, helles Zifferblatt, graues Lederband. Zeitlos. Schon oft hatte jemand einen Kommentar zu dem altmodischen Modell gemacht. Aber es ging niemanden etwas an, welche Geschichte daran hing.

Vierzehn Uhr.

Sie hatte vergessen, ihre Medikamente zu nehmen. Sie standen zu Hause. Im Küchenregal. Neben dem Katzenfutter.

Mist.

Vermutlich würde es nicht schlimm sein, wenn sie die Tabletten heute später nahm als sonst, oder?

Nora bahnte sich einen Weg durch die Touristengruppen und Shopper, um zu Jenny aufzuschließen.

„Alles gut?“ Jenny musterte sie mit diesem Ausdruck aus Zweifel und Misstrauen an, den sie schon oft bei ihr bemerkt hatte.

„Ich brauche eine Pause.“ Ihre Stimme klang wie ein Echo, das nicht zu ihr gehörte.

Die Freundinnen schauten sich um. Jenny zeigte auf das Starbucks-Café gegenüber. „Ein Pumpkin Spice Latte ist jetzt genau das Richtige!“ Sie hakte sich bei Nora unter.

Gemeinsam schoben sie sich durch das Gedränge zur Ampel.

Die Filiale der Kaffeehauskette stand eingequetscht zwischen einem Warenhaus und einer Modeboutique. Auf dem Gehweg davor warteten Metalltische mit Stühlen, die zu dieser Jahreszeit genauso verlassen wirkten wie der alte Mann, der allein dort saß.

Der Duft von frisch gemahlenen Bohnen und Gebäck lockte sie nach drinnen. Über der Theke hingen Menütafeln und in der Auslage glänzten Bagels und Kuchen.

Jenny stand bereits am Tresen und rief der Servicekraft über das Pfeifen und Zischen der Maschinen hinweg ihre Bestellung zu.

Wärme schlug Nora entgegen. Oder steckte sie noch in ihr? Sie legte Schal und Wollmantel ab und sank auf einen Fensterplatz neben der Tür.

An einem Tisch weiter hinten lachte jemand. Das Stimmengewirr im Café verschmolz zu einem dumpfen Rauschen. Wie Wasser in den Ohren. Nora blinzelte. Dann kehrte die Welt zurück: zu laut, zu hell, zu nah.

Draußen beugten sich die kahlen Platanen am Straßenrand unter dem Wind, der allmählich in einen Sturm überging.

Ein schwacher Duft wehte durch die Tür, jedes Mal, wenn jemand hereinkam. Süßlich.

Blumig. Nora konnte ihn nicht einordnen. Aber er war da gewesen. Früher. Irgendwo, wo sie nicht hinwollte.

Mit einem vollen Tablett balancierte Jenny zu ihr herüber und stellte Essen und Getränke auf den Tisch. Der Bon lag unter dem Teller. Nora zog ihn hervor, faltete ihn und ließ ihn in der Tasche verschwinden. Dann legte sie das Geld hin. Beiläufig schob Jenny es beiseite und setzte sich ihr gegenüber.

Nora strich sich die Strähnen aus der Stirn, Jenny drehte ihre blonde Mähne zu einem Dutt, der ihr wie immer perfekt gelang. Nora bewunderte sie dafür. Sie selbst bekam es nie so hin. Sie blieb lieber beim einfachen Zopf oder offenen Haaren. Da konnte man nichts falsch machen.

Jenny kaute auf ihrem Focaccia, während Nora unschlüssig an ihrem Bagel zupfte.

„Weißt du, …“ Jenny wischte sich Krümel vom Mund, „ich bin total nervös wegen Sebastians Weihnachtsfeier. Lauter internationale Geschäftspartner für sein Dubai- Projekt. Ich habe keine Ahnung, worüber ich mit denen reden soll.”

Nora lächelte. „Du wirst großartig sein.”

Jenny verdrehte die Augen. „Ich werde mich blamieren. Aber wenigstens sehe ich dabei gut aus.” Ihre Augen wanderten zu der Tüte mit dem Kleid. „Was ist los mit dir?” Sie musterte Nora über den Rand ihrer Tasse.

„Ach …, nur etwas Stress in der Buchhandlung.“ Nora strich über die Tischplatte und folgte der Maserung mit dem Finger.

Konzentrier dich!

„Das Weihnachtsgeschäft steht bevor. Du weißt schon …“

Jenny nickte. Ihr Blick glitt zu Noras Armbanduhr, dann wieder zu ihrem Gesicht.

_Ja, Jenny, ich trage seine Uhr immer noch, auch wenn ich es nicht sollte._ „Fast hätt ich’s vergessen …“ Ihre Freundin sprach mit vollem Mund, verschluckte sich an einem Stück Mozzarella und hustete, bevor sie weitersprach: „Markus ist übrigens wieder getrennt.”

Ein Stich hinter dem Brustbein. Drei Jahre, und die Erwähnung seines Namens verursachte jedes Mal dieses Ziehen im Bauch. Nora zwirbelte eine Haarsträhne um den Finger.

Gut, dass er sich damals für sie entschieden hat. Hat ja nicht sehr lange gehalten.

„Mh …“ war ihr einziger Kommentar zu der ungewollten Information.

Jenny war seit der Uni ihre beste Freundin, aber manchmal hatte sie das Einfühlungsvermögen einer Abrissbirne.

Nora beobachtete die Welt durch das beschlagene Fenster: ein Junge auf einem Tretroller. Eine Frau mit rotem Regenschirm.

Alles wirkte wie eine Szene aus einem Film ohne Ton – fern und belanglos.

„Gibt es denn in deinem Liebesleben was Neues?“ Jenny beugte sich vor.

„Ich bin gerade nicht auf der Suche.“ Nora rührte in ihrem Chai Latte.

„Ach, das sagst du andauernd.“ Jenny seufzte. „Es wäre so schön, wenn wir mal zu viert einen Pärchenabend machen könnten." Nora verdrehte innerlich die Augen.

„Das Leben geht weiter, Nora. Ob du willst oder nicht.“ Ihre Stimme wurde weicher.

„Schließ dich nicht davon aus.“

Jenny griff über den Tisch und legte ihre Hand auf Noras. „Ich weiß, dass ich manchmal zu direkt bin. Aber ich mache mir Sorgen um dich, okay?”

Nora nickte stumm. Ihre Kehle war zu eng für Worte.

Die Tür des Cafés ging auf. Wind wirbelte den November herein. Und mit ihm eine Frau. Eine weiße Papierserviette vom Nebentisch segelte zu Boden und landete genau neben ihr. Noras Blick blieb an dem beigen Wollmantel hängen. An dem dunklen Dutt.

An der Art, wie die Frau den Kopf hielt, als würde sie einer fernen Melodie lauschen.

Eine Geste, so vertraut, dass es wehtat.

Die Fremde gab ihre Bestellung auf, das Profil klar gezeichnet im Licht der Theke. „Eine Hot White Chocolate to go, bitte.“

Plötzlich verschwamm alles. Geräusche wurden zu einem Pfeifen in den Ohren, als wäre die Luft explodiert.

Inmitten dieses Chaos stellte sich ihre Wahrnehmung plötzlich scharf. Nur auf diese eine Frau. Ihr Gang. Ihr Gesicht.

Das kann nicht sein!

Nora schnappte nach Luft.

Atme!

Aus der Ferne hörte sie Jennys Stimme: „Nora?“

Ihre Lippen blieben geschlossen, der Blick unverrückbar auf die Theke geheftet. Sie spürte Jennys warme Hand auf ihrer eigenen, als läge Glas dazwischen.

„Was ist?“

Der Raum kippte um einen Millimeter. Für einen Wimpernschlag war Nora absolut sicher: Das ist Clara.

Es war nicht das erste Mal. Aber diesmal war es anders. So real, so nah. Zu nah.

Sie blinzelte. Die Frau stand noch am Tresen und wartete auf ihren Kaffee. Keine fünf Meter entfernt.

Noras Gedanken überschlugen sich: Aufstehen? Hingehen? Was sagen? Was fragen?

Die Wahrheit schlug brutal zurück.

Das ist unmöglich!

Aber die Bewegungen, die Haltung … vertraut. Schmerzlich bekannt.

Was, wenn Papa sich geirrt hat?

Sie hatte den Körper selbst nie gesehen.

Aber ihre Sachen wurden gefunden! Das Armband.

Nora atmete flach. Ihre Hände krallten sich an der Tasse fest. Ohne die Frau aus dem Blick zu lassen, antwortete sie nach einer Ewigkeit auf Jennys Frage: „Entschuldige, ich dachte, ich hätte …“ Sie brach ab. Die Worte blieben stecken.

„Nora …” Jenny holte hörbar Luft und schob ihr Getränk beiseite.

Fünf Jahre. Clara ist seit fünf Jahren tot!

Wie durch geriffeltes Glas verfolgte Nora, wie die Frau mit dem Pappbecher an ihr vorbei zum Ausgang ging.

Ihr Gehirn kam nicht mehr hinterher. Der Wind von draußen trug einen verstörenden Duft zu ihr.

Lavendel.

Ein Hauch, kaum greifbar, aber eindeutig. Säure legte sich auf Noras Zunge. Auf ihrer inneren Leinwand flackerte ein lilafarbenes Blütenmeer in Südfrankreich. Und das lachende Gesicht ihrer kleinen Schwester.

Die Tasse entglitt ihren Händen. Keramik schlug auf Holz. Heißer Tee ergoss sich über den Tisch, tropfte auf ihre Jeans. Sie spürte es nicht. Konnte nur noch diesem Phantom nachstarren, das Claras Gang hatte, Claras Haltung, Claras verdammtes Parfüm trug.

Sie musste aufstehen. Jetzt. Sofort! Ihre Hände legten sich auf die Tischkante. Sie drückte sich ab, aber ihre Beine blieben, wo sie waren. Wie damals, als Papa sie angerufen hatte.

Clara ist tot.

Sie sog den Lavendel-Duft tief ein, hörte das Zufallen der Tür.

Ihr Puls raste, während ihr Körper eingefroren blieb.

Jenny sagte etwas, das Nora nicht verstand. Ihre Stimme drang nicht mehr durch den Nebel in ihrem Kopf.

Sie starrte nur auf den Ausgang. Auf die Tür, die gerade ihr ganzes Weltbild verschluckt hatte.

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