Noras Tagebuch

Diese Einträge hat Nora geschrieben.
Sie stammen aus der Zeit vor den Ereignissen des Romans.

Gedanken, die sie festgehalten hat, als vieles noch unausgesprochen war – und manches bereits zu bröckeln begann.

Eine Woche. Sieben Tage seit Papas Anruf.
Sie ist tot.

Ich schreibe es auf und es ergibt keinen Sinn.
Die Buchstaben verschwimmen. Meine Hände gehören nicht mehr mir.
Ich weiß nicht, wie ich die letzten Tage verbracht habe.

Markus redet auf mich ein.
„Du musst essen. Versuch zu schlafen. Ich bin hier.“
Er ist hier. Ja.
Er hält mich, wenn ich zusammenbreche.
Telefoniert mit Papa, mit der Polizei – während ich nur dasitze und irgendwie existiere.

Ich greife nach dem Handy. Immer wieder.
Ihre Nummer ist noch da.
Wenn ich jetzt anrufe, dann geht sie ran. Muss sie.
Dann lacht sie und sagt: „Nori, du Idiot, war doch nur—“

Markus nimmt mir das Handy aus der Hand. Sanft. Immer sanft.
„Du stehst unter Schock, Nora.“
Nein. Das ist es nicht.
Ich falle. Und da ist kein Boden. Nirgends. Nur ein schwarzes Nichts.

Du warst fünf Jahre weg.
Einfach verschwunden. Keine Nachricht, kein Anruf, nichts.
Und jetzt sollst du tot sein?
Ich kann das nicht glauben.

Von der Oberbaumbrücke gesprungen? Wirklich?
Sie hätten deine Sachen gefunden.
Aber keinen Körper.
Keinen Körper.

Wie kann man tot sein ohne Körper?
Das ergibt keinen Sinn.
Nichts ergibt mehr Sinn.
Die Wohnung ist zu laut, zu hell, alles ist zu viel.
Ich sitze hier und starre ins Nichts.

Wo warst du?
Warum bist du gegangen?
Und warum kommst du jetzt nicht zurück?

Ich will einfach nicht glauben, dass das wahr ist.
Ich kann es nicht.

Ich weiß nicht mehr, wie ich hier gelandet bin.
Ob ich selbst gegangen bin. Ob Markus mich gefahren hat.
Alles verschwimmt.

„Sie sind erschöpft“, hat die Ärztin gesagt.
Erschöpft.
Als wäre das ein anderes Wort für: Sie halten gerade nicht mehr aus, was passiert ist.

Das Licht in meinem Zimmer ist immer gleich.
Zu hell. Als würde es die Gedanken aus meinem Kopf brennen.
Ich schlafe schlecht. Wache oft mit dem Gefühl auf, dass jemand an meinem Bett steht.
Aber wenn ich die Augen öffne, ist da nur Leere.

Papa war einmal hier.
Er saß an der Bettkante, hat die Hände ineinander verkrampft.
Er konnte mich kaum ansehen.
Ich glaube, er schämt sich. Für mich. Für uns. Für Clara.
Oder er hat einfach keine Worte dafür, was passiert ist.

Ich auch nicht.

Manchmal denke ich, sie kommt hier gleich durch die Tür.
So klar ist ihr Bild plötzlich in meinem Kopf.
Ihre Haare, ihr Blick, dieser kleine Kratzer über ihrer linken Braue.
Alles wieder da, als hätte jemand eine Schublade in mir aufgezogen, die seit Jahren zu war.

Die Psychologin fragt mich jeden Tag:
„Wie fühlen Sie sich heute?“
Ich sage irgendwas.
Müde. Leer. Benommen.
Aber eigentlich ist da nur ein Gefühl:
Es stimmt nicht. Irgendwas stimmt nicht.

Sie zeigen mir Atemübungen.
Sagen, ich soll meinen Körper spüren.
Ich spüre nichts.
Nur dieses Ziehen im Brustkorb, als würde jemand von innen gegen die Rippen drücken.

Markus ruft jeden Abend an.
Seine Stimme klingt anders.
„Ich bin hier“, sagt er, aber er klingt weit weg.
Vielleicht, weil ich weit weg bin.

Ich denke viel an die Brücke.
An den Moment, in dem sie ihre Sachen abgelegt hat.
Ordentlich gefaltet.
Clara hat nie ordentlich gefaltet. Nie.
Das bleibt mir im Kopf hängen wie ein Splitter.

Die Nächte sind am schlimmsten.
Da ist es still auf den Fluren, und ich höre mein eigenes Herz so laut schlagen.
Gestern Nacht war ich mir sicher, dass jemand meinen Namen gesagt hat.
Leise. Ganz nah.
Ich bin aufgesprungen.
Und war allein.

Vielleicht dreht mein Kopf einfach durch.
Vielleicht ist das normal, wenn man so etwas erlebt.
Oder vielleicht ist es genau das:
Der Anfang von etwas, das ich noch nicht verstehe.

Man sagt, der Körper erinnert sich an Dinge, die der Kopf nicht greifen kann.
Vielleicht ist es das.
Vielleicht erinnert sich irgendetwas in mir an eine Wahrheit, die ich noch nicht aussprechen kann.

Ich bleibe noch ein paar Tage hier, sagen sie.
Stabilisierung.
Ich nicke.
Ich tue alles, was sie sagen. Nehme die Medikamente.

Aber tief in mir arbeitet ein Satz, der nicht aufhören will:

Was, wenn sie gar nicht tot ist?

Es war nichts Besonderes.
Kein Moment, der sich wichtig angefühlt hätte.
Ein ganz normaler Abend.

Ich kam von der Arbeit, es war noch hell, diese flache Sommerhelle, die alles gleich aussehen lässt. Ich blieb kurz auf dem Gehweg stehen, weil ich meine Schlüssel gesucht habe. Tasche. Jacke. Wieder Tasche.
Und dann habe ich nach oben geschaut.

Im zweiten Stock gegenüber stand eine Frau am Fenster.

Sie hatte das Licht hinter sich an, ich konnte ihr Gesicht nicht richtig erkennen. Nur die Kontur. Die Haltung.
Etwas daran hat mich festgehalten.
Ich wusste nicht warum.

Sie stand ganz still.
So still, dass es unnatürlich wirkte.
Und ich dachte plötzlich: Clara.

Nicht als Gedanke.
Nicht als Vergleich.
Es war einfach da.

Mein Magen hat sich zusammengezogen, als hätte jemand ein Seil drumgelegt und festgezurrt. Ich konnte mich nicht bewegen. Ich habe nur gestarrt.
Sekundenlang. Vielleicht länger.

Dann hat sie den Kopf leicht gedreht.

Und in diesem Moment war ich mir sicher.
Nicht vernünftig sicher. Nicht logisch.
Aber sicher.

Ich habe ihren Mund erkannt.
Diese kleine Spannung in den Lippen.
Diese Art, den Kopf zu halten, wenn sie jemanden mustert.

Meine Schwester.

Ich habe ihren Namen nicht gesagt.
Ich habe nicht gewinkt.
Ich habe nur dagestanden und versucht zu atmen.

Dann ging das Licht aus.

Einfach so.
Fenster dunkel.
Leer.

Ich bin hochgerannt. Die Treppe, zwei Stufen auf einmal. Ich habe bei der Wohnung geklingelt. Einmal. Zweimal.
Nichts.
Ich habe nochmal geklingelt, länger.
Meine Hand hat gezittert.

Eine Frau hat schließlich geöffnet.
Nicht sie.
Eine andere.
Mitte vierzig. Müde Augen. Genervt.

„Was wollen Sie?“

Ich habe nichts sagen können.
Ich habe mich entschuldigt. Irgendwas gemurmelt.
Bin gegangen.

Seitdem geht mir dieser Moment nicht mehr aus dem Kopf.
Ich spiele ihn immer wieder ab.
Wie sie dastand.
Wie sicher ich war.

Und dann kommt die andere Stimme.
Die vernünftige. Die geübte.
Du projizierst.
Du bist traumatisiert.
Du willst sie sehen.

Professor Holm hat gesagt, so etwas kann passieren.
Das Gehirn sucht nach vertrauten Mustern.
Nach Gesichtern, die fehlen.

Aber was, wenn es kein Muster war?
Was, wenn ich mich nicht geirrt habe?

Ich habe Angst, das jemandem zu erzählen.
Weil es sich beim Aussprechen sofort falsch anhört.
Wie der Anfang von etwas, das man erklären, behandeln, wegmachen muss.

Seitdem schaue ich in jedes Fenster.
Unauffällig. Unwillkürlich.
Und jedes Mal ist da dieser kurze Moment, in dem alles stillsteht.

Ich weiß nicht mehr, was schlimmer ist:
Dass ich glaube, sie gesehen zu haben.
Oder dass ich mir einreden soll, dass es nicht so war.

Vielleicht war es nur eine Frau am Fenster.
Vielleicht war es nichts.

Aber irgendetwas in mir hat an diesem Abend beschlossen, nicht mehr ruhig zu bleiben.

Ich dachte immer, Verrat fühlt sich laut an.
Wie ein Knall. Eine Szene. Geschrei.

In Wirklichkeit war es still.

Ich habe nicht gesucht.
Ich wollte nur die Mail vom Reisebüro an mich weiterleiten, weil ich auf dem Weg zur Arbeit bei der Bank halten wollte. Sein Laptop stand offen auf dem Tisch. Wir hatten keine Geheimnisse.

Dachte ich.

Sein Postfach war geöffnet.
Und da war diese Mail.Kein eindeutiger Betreff. Kein Herzchen. Kein „Ich liebe dich“.
Nur ein Satz in der Vorschau:
Ich vermisse deinen Körper.

Ich weiß noch, dass ich zuerst gedacht habe, es geht um mich.
Um uns.
Und im nächsten Moment wusste ich, dass das nicht stimmt.
Ich saß einfach da und starrte auf den Bildschirm.
Als würde er sich gleich selbst korrigieren.

Er hatte geduscht. Ich habe das Wasser gehört.
Ein ganz normaler Morgen.
Der Kaffee stand noch auf dem Tisch. Meine Hand lag auf der Maus, aber ich konnte nicht klicken.
Als ich es doch getan habe, war da keine Überraschung mehr.
Nur Bestätigung.

Es war nichts Dramatisches.
Keine große Liebeserklärung.
Nur Vertrautheit.
Insider.
Bittere Süße.

Und plötzlich hatte ich das Gefühl, ich bin diejenige, die irgendwo zwischen den Zeilen nicht mehr vorkommt.

Ich habe ihn nicht angeschrien.
Nicht geweint.
Ich habe einfach gefragt: „Seit wann?“

Er hat sofort gewusst, worum es geht.
Das war vielleicht das Schlimmste.

„Es bedeutet nichts“, hat er gesagt.
„Es ist nur passiert.“
Nur passiert.
Als wäre Nähe etwas, das einem einfach zustößt. Wie Regen.

Wir waren verlobt.
Hatten Pläne.
Ich habe ihn geliebt.

Ich habe ihn angesehen und versucht, den Mann zu finden, mit dem ich mein Leben teilen wollte.
Er war da.
Und gleichzeitig nicht mehr.

Ich erinnere mich an diesen Moment wie durch Glas.
Als würde ich uns von außen beobachten.
Er redet. Ich nicke.
Ich höre mich sagen, dass ich das nicht kann.
Dass ich nicht heiraten kann, wenn ich jetzt schon nicht mehr sicher bin.

Sicher.

Das Wort verfolgt mich.

Ich habe damals gedacht, das ist einfach Pech.
Eine schlechte Entscheidung.
Ein Mann, der schwach geworden ist.

Aber in den Wochen danach kam etwas anderes dazu.
Dieses Gefühl von Verschiebung.
Als wäre ich wieder die Letzte, die merkt, dass etwas nicht stimmt.

Zwei Jahre war Clara jetzt tot, und ich habe immer geglaubt, ich hätte es kommen sehen müssen.
Irgendwas. Ein Zeichen. Eine Andeutung.
Ich habe mir eingeredet, ich hätte nur nicht genau hingeschaut.

Und bei Markus?
Auch hier gab es kleine Dinge.
Abwesende Blicke.
Ein Handy, das plötzlich mit ins Bad genommen wurde.
Später nach Hause kommen.
Ich habe es gespürt.
Aber ich wollte es nicht wissen.

Vielleicht ist das mein Muster.
Ich spüre es – und rede es mir weg.

Als ich ihm den Ring zurückgegeben habe, war ich erstaunlich ruhig.
Er hat geweint.
Ich nicht.
Ich habe nur gedacht:
Schon wieder verschwindet etwas aus meinem Leben, das eigentlich bleiben sollte.

Er ist nicht einfach weg gewesen wie Clara.
Aber auf eine andere Art schon.

Manchmal frage ich mich, ob ich mich in Menschen irre.
Oder ob ich nur nicht akzeptieren will, was ich sehe.

Damals habe ich beschlossen, vorsichtiger zu sein.
Aufmerksamer.
Mir selbst mehr zu glauben.

Und trotzdem sitze ich jetzt hier und frage mich wieder:
Habe ich mir alles nur eingebildet?

Ich bin wieder im Wasser.

Es ist kein Sprung.
Kein Moment, an den ich mich erinnere.
Ich bin einfach da.

Kalt.
Still.
Zu still.

Ich sehe nichts unter mir. Nur Tiefe.
Über mir eine Oberfläche, die sich kaum bewegt.
Als wäre sie aus Glas.

Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier bin.
Mein Körper fühlt sich leicht an.
Fast losgelöst.
Als würde ich nicht ganz zu mir gehören.

Dann kommt der Nebel.

Er liegt nicht auf dem Wasser.
Er ist im Wasser.
Zieht sich durch alles, macht die Konturen weich, nimmt mir die Richtung.

Ich versuche nach oben zu schwimmen.
Aber ich weiß nicht mehr, wo oben ist.

Und dann sehe ich sie.

Zuerst nur eine Bewegung.
Ein Schatten im Weiß.
Dann klarer.

Eine Frau.

Sie steht nicht.
Sie treibt auch nicht.
Sie ist einfach da.
Als würde das Wasser sie halten.

Ihre Haare bewegen sich kaum.
Ihr Blick ist ruhig.
Zu ruhig.

Ich will zu ihr.
Meine Arme bewegen sich, aber ich komme nicht näher.
Als würde etwas zwischen uns liegen, das ich nicht durchdringen kann.

Ich spreche.
Oder denke ich es nur?

Sie reagiert nicht sofort.
Schaut mich nur an.
So, als würde sie etwas wissen, das ich noch nicht verstehe.

Dann bewegt sich ihr Mund.

Ich höre nichts.
Kein Ton.
Nur das Wasser, das keins ist.

Ich versuche schneller zu schwimmen.
Jetzt panisch.
Meine Bewegungen werden hektisch, unkoordiniert.
Das Wasser wird dichter.

Und dann höre ich es.

Ganz leise.
Als würde es durch mich hindurchkommen.

„Nora.“

Ich bleibe stehen.
Oder das Wasser hält mich fest.
Ich weiß es nicht.

Sie hebt eine Hand.
Langsam.
Nicht winkend.
Eher… fordernd.

Komm.

Ich will.
Ich will wirklich.

Aber etwas in mir zögert.
Ein Gefühl, das ich nicht benennen kann.
Kein Zweifel.
Eher… eine Warnung.

„Nora.“

Diesmal klarer.
Näher.

Ich sehe ihre Augen.
Und für einen Moment stimmt etwas nicht.
Zu glatt.
Zu leer.
Oder zu viel von allem.

Ich weiß nicht, ob sie mich ruft
oder mich zu sich zieht.

Ich weiß nicht, ob ich zu ihr soll
oder weg.

Dann bewegt sich das Wasser.

Ein Ruck.
Als würde etwas unter mir nachgeben.
Die Tiefe zieht.

Ich verliere die Orientierung.
Oben. Unten.
Alles kippt.

Als ich wieder nach vorne sehe, ist sie weg.

Nur noch Nebel.
Und dieses Gefühl, dass sie eben noch da war.
Direkt vor mir.

Ich wache auf, bevor ich auftauche.

Mein Körper ist nass.
Nicht wirklich.
Aber es fühlt sich so an.

Ich sitze im Bett und halte mich am Laken fest, als könnte ich sonst wieder zurückrutschen.
Mein Herz schlägt zu schnell.

Es ist nur ein Traum, sage ich mir.
Nur ein Traum.

Aber mein Körper glaubt das nicht.

Erinnert sich an die Kälte.
An die Tiefe.
An ihre Stimme.

Und an diesen einen Moment, kurz bevor sie verschwindet:

Ich war mir nicht sicher, ob ich sie retten soll.
Oder ob sie mich mit nach unten zieht.


Yvonne Fothe Mehr von Nora?

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